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"Man sagt: Jede Geschichte hat einen Anfang und ein Ende. Was wäre aber wenn sich die Geschichten einem Zyklus gleich wiederholen? Wenn alle Erzählungen bereits im Vorfeld bekannt waren? Wenn wir alle schon einmal Teil dieser gewesen waren?"

Zitat aus den Schriften der Nebelchronisten


Gestützt auf seinen Stab ging der alte Mann die langen Bücherregale entlang und musterte die mit Staub überzogenen Folianten zu beiden Seiten nachdenklich: Längst vergangene Geschichten über Heldentaten, Chroniken über große Herrscher und alte Sagen waren in diesen zu finden. Der Mann seufzte leicht als er sich auf einen kleinen Schemel setzte und das vor ihm auf dem Tisch befindliche Buch aufschlug. Die verloschenen Kerzen am Rande des Tisches waren stumme Zeugen der rastlosen Stunden so mancher vergangenen Nacht. Er lehnte seinen Stab an die Wand und begann mit zitternden Händen die Seiten umzublättern. Schließlich hatte er die Stelle gefunden, an welcher er zuletzt gearbeitet hatte. Er nahm seine Feder zur Hand und begann zu schreiben. Die Sonne warf nur noch schummriges Licht durch das Fenster über ihm und die Geräusche des geschäftigen Treibens auf der Straßen waren auch schon verklungen, als es an der Tür klopfte. Müde drehte sich der Alte um und griff dann nach seinem Stab. Ächzend erhob er sich und ging mit schweren Schritten zur Tür.

Der alte Mann öffnete die Tür nur einen Spalt breit und schaute hinaus. Seine Augen hatten Schwierigkeiten sich an das Zwielicht der Dämmerung zu gewöhnen. Eine leise Stimme rief zu ihm: "Herr? Ist alles in Ordnung?" Er rieb sich die Augen und bemerkte erst jetzt den Jungen vor seiner Schwelle: "Ihr hattet mir doch gesagt, dass ich zur Dämmerung hier sein sollte." Der Alte schloß kurz die Augen und öffnete nun die Tür, um dem Besucher Eintritt zu gewähren. "Schon gut, mein Junge!" hörte er sich selber sagen. Der Junge blieb aber noch einige Augenblicke regungslos stehen und schaute den Mann fragend an. "Nun komm schon, Junge. Wir haben nicht ewig Zeit." sagte der Alte und schob ihn mit sanfter Gewalt an sich vorbei in den Raum. Nachdem er die Tür wieder verschlossen und mit einem Holzbalken verriegelt hatte drehte der Mann sich zu seinem Besucher um. Dieser starrte mit großen Augen auf die Regale und die vielen Pergamente und Folianten, die dort gelagert wurden. "Sind das alles Eure Bücher, Herr? Habt Ihr das alles geschrieben?" fragte der Junge ohne seinen Blick von den Regalen lösen zu können. Der alte Mann war inzwischen neben ihn getreten: "Nein. Das Wissen in diesen Büchern und Schriften wurde von Vielen gesammelt und niedergeschrieben. Es gehört nicht mir, sondern uns allen. Es ist das Wissen der Menschen. Es sind ihre Geschichten und Erzählungen." sagte er. Der Junge schaute zu ihm auf: "Es gehört uns allen? Auch mir?" Der Alte lachte und streichelte ihm sanft über den Kopf: "Auch dir, mein Junge. Aber bevor wir uns irgendwelchen Büchern widmen wollen ..." Er unterbrach sich selbst und nahm den Beutel zur Hand, welcher an seinem Gürtel hing. "Ich habe dir etwas versprochen, nicht wahr?" Der Mann holte etwas Pökelfleisch, Brot und einige Äpfel hervor. Diese gab er dem Jungen, welcher ihn erschrocken ansah: "Herr, ich kann das nicht nehmen!" Er unterbrach den Jungen: "Natürlich kannst du das annehmen. Jeder andere hätte die Situation auf dem Markt heute ausgenutzt!" Der Junge begann zu stottern und schaute zu Boden: "Ich ... ich hatte doch Hunger ... und ich ... diese Früchte sahen so gut aus." Und wieder unterbrach der Alte ihn: "Du hast den Gedanken gehabt, aber du hast nicht gestohlen. Und das ist der Grund warum ich dich angesprochen habe." Misstrauisch musterte der Junge seinen Gesprächspartner: "Wer seid Ihr? Niemand ist nicht ohne Grund so großzügig. Was wollt Ihr von mir?"


Schwer atmend erreichte der Alte seinen Schemel im hinteren Bereich des Raumes und setzte sich. Inzwischen hatte die Sonne den Kampf gegen allumfasssende Dunkelheit endgültig verloren und das Zirpen der Grillen von draußen war zu vernehmen. Mit zitternden Händen zog er eine der Kerzen zu sich heran und entfachte die kleine Flamme. Nur wenig Licht spendete die Kerze in dem sonst von Schatten beherrschten Raum, aber der Junge konnte nun ganz deutlich ein Brandmal auf seinem rechten Handrücken erkennen. Es hatte die Form eines Kreises und bei näherem Hinsehen konnte er erkennen, dass es sich wohl um eine Art Schlange handelte, die ihren eigenen Schwanz im Maul hielt. Er wurde von dem Alten aus seinen Gedanken gerissen: "Du bist einen klaren und scharfen Verstand, mein Junge. In der Tat möchte ich etwas von dir." Als sein junger Besucher einige Schritte rückwärts von ihm weg machte hob er die Hände und sagte etwas lauter: "Nein, komm näher! Mir liegt es fern dir etwas Böses antun zu wollen. Ich habe nur noch wenig Zeit und ich muss ... ich brauche einfach einen Zuhörer." Der alte Mann hustete und winkte den Jungen zu sich heran. Er wirkte müde und erschöpft. "Komm näher!" wiederholte er kaum hörbar. Als der Junge schließlich bei ihm war und sich auf den Boden setzte, sagte der Alte: "Wisse, dass Geschichte wie ein Kreis ist. Sie hat weder einen Anfang, noch ein Ende. Sie ereignet sich jederzeit und ist allgegenwärtig. Ich könnte dir soviele Geschichten nennen: Erzählungen von Heldentaten, Chroniken von ruhmreichen Feldherrn und Herrschern, Berichte über unglaubliche Greueltaten. Aber ich habe etwas ganz Besonderes für dich, mein Junge." Er lächelte geheimnisvoll und begann mit der Geschichte.


I. Der Söldner: Ehre auf einem Schlachtfeld

Die Säulen aus schwarzem, fettigen Qualm neigten sich im kalten Wind und trieben ins Ungewisse davon, während Asche vom Himmel auf ihn niederrieselte. Hier und dort schlugen noch gierige Flammen aus dem Gewirr der verkohlten Leichen, doch als sie keine Nahrung mehr fanden, erlosch auch die letzte züngelnde Glut. Rauch stieg in den Himmel und sengte sich einem Leichentuch gleich über das Schlachtfeld und breitete einen grauen Schleier über die Sonne, während von überall her die Schreie der Verwundeten und Sterbenden zu hören waren. Er stolperte erneut und fiel der Länge nach hin. Fluchend versucht der Söldner wieder aufzustehen. Ein leichter Luftzug brachte den Gestank von Blut und verbranntem Fleisch mit sich. Vanya stützte sich auf seine Hände und kämpfte mit der aufkeimenden Übelkeit. Was hatte ihn bewogen an dieser Schlacht teilzunehmen? Der dargebotene Sold war nicht wenig, aber auch kein Reichtum. War es der entschlossene Blick von Bachloq gewesen, als dieser ihm von dem Auftrag berichtete? Schon damals hätte er etwas sagen sollen. Er hatte die Worte vornommen: "Es ist die Armee von Conan selbst."

Vanya erhob sich langsam und sog scharf die Luft ein, als sich die Schwertwunde an seinem linken Arm wieder bemerkbar machte. Er schaute an sich hinunter. Sein Lederwams war vom Schmutz und Blut seiner Gegner überzogen. Außer der besagten Schwertwunde hatte er nur leichte Blessuren davon getragen. Über ihm war das laute Krächzen unzähliger Krähen zu vernehmen, die schon jetzt ein reichliches Festmahl vorfanden. Angewidert spuckte Vanya aus und versuchte den gröbsten Dreck abzustreifen. Er zog sein Schwert und prüfte es. Bei genauem Blick waren zahlreiche Einkerbungen an der Klinge zu erkennen. Vanya führte einige Bewegungen mit dem Schwert durch und nickte langsam. Es wird wohl irgendwie noch gehen müssen, dachte er bei sich selbst und steckte es wieder in die Scheide. Suchend schaute er sich nunmehr um und erkannte erst jetzt den verheerenden Ausgang der Schlacht. Die Tore am Eingang waren vollkommen zerstört. Um ihn herum Dutzende tote oder sterbende Krieger. Nach einer Schlacht zählt die Seite, auf welcher man kämpfte, nicht mehr, dachte Vanya. Plötzlich zuckte der Söldner zusammen, als ihm ein Gedanke in den Sinn kam, welchen er auch laut schrie - erst als Feststellung, dann als Frage: "Bachloq! Bachloq?"

Vanya war sich darüber im Klaren, dass er noch lange nicht außer Gefahr war, aber Bachloq und ihn verband mehr nur als die bloße Freundschaft zweier Männer. Der Bossonier war wie ein großer Bruder für ihn. Immer hektischer schaute er sich um. Bachloq war bis zuletzt an seiner Seite im Kampf gewesen. Doch als schlußendlich die Tore unter dem Ansturm der Gegner nachgaben hatten sie beide sich im Schlachtgetümmel verloren: "Bachloq? Wo bist du? BACHLOQ!" Inzwischen rannte Vanya quer über den einstmals großen Vorplatz des zerstörten Burgfrieds: "Wenn du mich hören kannst, so antworte. Bachloq! Bach..." Die letzten Worte sprach er nicht mehr aus, da der Söldner gefunden hatte wonach er die ganze Zeit gesucht hatte. Sein Freund lag abseits an der äußeren Mauer. Man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Langsam näherte sich Vanya der Leiche von Bachloq und betrachtete den Bossonier mit erstarrter Miene. "Du alter Mistkerl! Hast mich hier alleingelassen." schrie er plötzlich aus und trat nach seinem Freund, nur um wenige Augenblicke später in Agonie auf die Knie zu fallen. Er weinte, fluchte und schrie Verwünschungen zu irgendwelchen Göttern in den Himmerlsphären. Ihm war es gleich, ob sie ihm zuhörten oder nicht. Er wusste um das Los eines Söldners. Aber Bachloq hatte ihn das Kämpfen gelehrt und war für ihn immer greifbar gewesen seit er denken konnte. Und nun lag er leblos vor ihm. Leise flüsterte Vanya zu seinem Freund: "Die Götter mögen dir ein Festmahl bereiten, Bachloq. Im Angesicht deiner Feinde mögest du Ehre finden."

Als Vanya sich wieder erhob hörte er Schritte hinter sich. Eine scharfe Stimme rief: "Heda, Tyberer!" Der Söldner drehte sich um und sah sich selbst einem kleinen Trupp von Soldaten gegenüber, welche ihn mit gezückten Schwertern hämisch angrinsten. "Ich bin nur ein Söldner." antwortete Vanya. Einer der Soldaten trat hervor, wahrscheinlich der Anführer der Gruppe: "Auf Befehl von König Conan sind alle dem Hause Tyberion Zugehörigen gefangenzunehmen oder direkt zu töten!" Vanyas Blick verdüsterte sich: "Ich wiederhole mich ungern, aber dem Anschein nach versteht ihr meine Worte nicht." Als der Soldat auf ihn zukam, zog er blitzschnell sein Schwert: "Bleib wo du bist!" Sein Gegenüber blieb davon unbeeindruckt. Vanya wartete nicht erst auf einen Angriff, sondern rannte todesmutig auf seine Gegner zu. Er drehte sich dabei einmal, wobei sein Schwert den Soldaten vor ihm am Brustkorb traf und eine hässliche Wunde hinterließ. Schreiend brach dieser zusammen. Vanya blieb stehen und schaute zum Himmel hinauf. Er schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen und genoss das Schweigen. Es war als würde die Zeit selbst den Atem anhalten und gebannt der nächsten Ereignisse ausharren.

Das Klirren von gezogenen Schwertern riss ihn wieder zurück aus seinen Gedanken. Lächelnd trat Vanya den Soldaten gegenüber: "Ihr wollt mich also töten?" Er deutete spöttisch eine Verbeugung an: "Bitte, hier bin ich nun. Ich habe Ehre auf dem Schlachtfeld gesammelt und folge einem Freund." Einer der Soldaten schrie: "Tötet endlich diesen Schwätzer."


II. Die Wesirin: Wissen im Nebel

Die Stadt lag im Morgennebel der über den Marschen hing, es war kein Laut zu hören. Leise schlichen sich die Soldaten vorwärts an die noch nicht vollständigen Mauern heran. Immer noch kein Laut aus der Stadt war zu hören. Der Offizier, der neben der Gestalt, welche die Insignien eines Würdenträgers von Khemi trug, auf dem Pferd verharrte, blickte nervös zur Seite. Die Wesirin rührte sich nicht, starrte auf die Stadt mit unwilligen Stirnrunzeln. Der Offizier scheuchte mit leiser Stimme weitere Männer auf die Mauern zu.

Der Erste, der sich den Gebäuden näherte, verschwand zwischen den Mauern, immer noch war nichts zu hören, nach einer schier endlosen Dauer kam er zurück zu den beiden Wartenden auf den Pferden die im Schutz der Bäume verharrten, während die Soldaten in der Stadt ausschwärmten. "Herrin, die Stadt ist .... die Leute sind ..." stotterte der Mann nervös als sich der Blick der Wesirin kühl auf ihn legte. "Was sind sie?" der Blick der sich in seine Augen bohrte wirkte eisig im Schwarz der ihn umgebenden Schlangen die das Gesicht der Frau zierten. "Tot, Herrin ... da drin sind nur noch Tote ... nicht viele ... sie haben ... es sieht nach Gift aus ... sie müssen uns kommen gesehen haben" er duckte sich als jähe Wut in den Blick der Frau schoss.

"Was soll das heissen? Ich habe fast ein Jahr daran gearbeitet um diesen Ort endlich zu finden, ein Jahr Informationen gesammelt, ein Jahr mein Leben riskiert auf der Suche nach diesen Abtrünnigen, diesen Verleugnern und ihr sagt mir, das sie sich unserer Gerechtigkeit entzogen haben?!" sie sah mit wutentbranntem Blick zu dem Offizier neben ihr, der bedauernd die Hände hob. "Es war ein weiter Weg und sie haben vermutlich Späher gehabt die sich hier gut auskennen, wir haben uns mehrfach im Sumpf vertan...Herrin sie sind tot, ich weiss das ihr enttäuscht seid aber...nun...die Priesterschaft wird zufrieden sein, oder?"

"Verflucht nochmal ... das hier ist nur ein halber Erfolg, ich wollte Namen, Verbindungen ... sie sind tot aber Tote reden auch nicht mehr!" Wütend riss sie ihr Pferd herum, als der Offizier sie noch einmal ansprach: "Herrin was soll mit der Stadt geschehen?" Sie verharrte und sah zurück, erst schien es als wolle sie den Befehl zur Zerstörung geben, dann zuckte sie mit der Schulter: "Was soll schon mit der Stadt geschehen, sucht alles an Beweisen zusammen, was noch da ist, viel wird es nicht sein, verbrennt die Toten besser gleich, wer weiss was sie für Gift genommen haben, ich behalte die Stadt, wir hatten genug Ausgaben, die uns die Priesterschaft nicht ersetzt und die Gebäude sehen noch passabel aus. vielleicht findet sich ein Käufer der setgetreu genug ist um diesen Schandfleck zu wandeln, wenn nicht ..." Sie zuckte erneut mit den Schultern: "Baumaterial ist immer gut bezahlt."

Sie preschte davon und überlies den Soldaten die Arbeit, viel fand sich nicht mehr, die wenigen verbrannten Seiten in der ehemaligen Bibliothek waren zwar Beweis genug aber dennoch nur spärlich. Doch man hatte letztendlich das Nest der Ibis-Anhänger gefunden. Die Toten sahen aus wie als kämen sie nicht nur aus Stygien, sogar ein dunkelhätiger Krieger war dabei, sie schienen schon seit mehreren Stunden, vielleicht sogar schon seit gestern tot zu sein. Nur abgebrannte Kerzen in ihrer Mitte zeugten vom letzten Ritual das ihre Seelen zu dem Vogelgott bringen sollten. Die Soldaten trampelten darüber als sie die Leichen auf den Scheiterhaufen warfen.

Taniz ritt eine ganze Weile ehe sie im Schatten einiger Ruinen verschwand und die Kleidung wechselte die dort bereit lag. "Sie haben es gefressen" sagte sie leise zu den wartenden Gestalten die ebenso verhüllt waren wie sie nun ... "zum Glück gibt es immer Tote genug in Keshatta und hier im Sumpf"

"Nun denn ... der Vogel hat sich in den Schutz des Schilfs zurück gezogen" sie nickte den anderen zu, als sie aufsaß, das Pferd zurück lenkte, zurück nach Khemi.



III. Der Söldner: Untergang eines Adelshauses


Vanya atmete schwer: Er konnte seinen linken Arm nicht mehr richtig bewegen und zog sein Schwert nur noch hinter sich her über den Boden. Der Söldner hatte den Trupp der Soldaten besiegen können. Schwer angeschlagen und siegreich. Aber zu welchem Preis? Schon bald würden die Krähen einen weiteren Toten auf dem Schlachtfeld als genügsame Mahlzeit vorfinden.

Vanya konnte fühlen, wie ihn die Kräfte allmählich verließen. Er sank auf die Knie und flüsterte mehr zu sich selbst: "Ich kann nicht mehr, Bachloq! Ich kann nicht mehr." Wieder schaute er nach oben. Die Feuer waren nun erloschen und die Ruinen der einstmals stolzen Festung lagen nunmehr hinter ihm. Von der Stadt, die sie verteidigen sollten war nicht mehr viel übrig geblieben. Nur noch der Wind und das stetige Krächzen der schwarzen Vögel am Himmel waren zu hören. Vanya spürte wie Müdigkeit und Erschöpfung ihn zu überwältigen drohten. Nur zu gern hätte er nachgegeben. Was aber trieb ihn noch an? Eine einfache Antwort als Gedanke: Nichts! Er ließ den Kopf sinken, das Schwert fallen und gab sich der Dunkelheit hin, fiel Ewigkeiten in das allumfassende Nichts.


Dann war da plötzlich wieder Licht und eine Stimme. Er spürte eine Hand an seiner Schulter, die an ihm rüttelte. Vanya öffnete langsam wieder die Augen. Vor ihm stand oder besser kniete eine junge, schwarzhaarige Frau: "Ach, Ihr lebt also doch noch!" Vanya setzte sich langsam aufrecht hin. Ihm war schwindelig und er musste gegen die aufkeimende Überlkeit ankämpfen. Leise murmelte er: "Natürlich lebe ich noch, Weib." Die Unbekannte griff nach dem Wasserschlauch an ihrem Gürtel und reichte ihn dem Söldner: "Trinkt, Söldner! Ihr braucht es nötiger als ich!" Zögernd nahm der Söldner den Wasserschlauch entgegen und setzte diesen an seine spröden Lippen. Vanya war sich nicht sicher wie lange seine Ohnmacht angedauert hatte, war er doch sehr überrascht über seinen Durst. Mit gierigen Schlücken trank er. Schließlich reichte er den Schlauch wieder der Frau: "Wer seid Ihr?" Diese wollte wohl schon zu einer Antwort ansetzen, als hinter ihr ein Mann erschien. Dieser war in einen Harnisch gehüllt und seine Haare waren hinten zusammengebunden. Mit kalten Augen starrte er auf Vanya als er mit der Frau sprach: "Suavis, Euer Mitgefühl ... in allen Ehren ... aber wir müssen hier weg." Die angesprochene Frau drehte sich um und nickte. Weitere Stimmen waren hinter dem Mann zu hören und eine hochgewachsene Frau mit kurzen, roten Haaren trat an den Mann heran: "Herr Enedcair? Warum warten wir hier? Vibius ist schwer verwundet und ohne entsprechende Hilfsmittel reichen die Heilkräfte von Desideria und mir bei weitem nicht aus!" Der Mann drehte sich halb um: "Schon gut, Mergell ... Suavis hier wollte wohl nur nach dem Söldner schauen ... nicht wahr?"

Inzwischen hatte sich die Frau namens Suavis erhoben und war zu ihren Begleitern gegangen. Vanya erkannte plötzlich, wen er hier vor sich hatte. "Tyberion!" sagte er laut und der Mann mit dem Namen Enedcair drehte sich zu ihm erneut um: "Wie ... meinen?" "Ihr seid Tyberer. Für euch sind wir Söldner gestorben!" Vanya grinste gequält. Die Augen von Enedcair funkelten leicht: "Tyberion ... existiert nicht ... nicht mehr. Alles ... andere sind Geschichten ... und Ammenmärchen!" Vanya stützte sich ab und stand mit wackeligen Beinen auf: "Mag ja alles sein!" Er deutete mit einer Bewegung hinter sich: "Die Soldaten dort scheinen diesen Tatbestand aber anders zu sehen, Herr ... Enedcair!" Den letzten Teil des Satzes hatte er mit leicht abfälligem Ton gesagt. Allerdings blieb der Mann vor ihm von seinem Spott relativ unbeeindruckt. Enedcair drehte sich zu dem Trupp von Leuten hinter sich um: "Wir müssen hier ... weg ... schnell!" Vanya hört kaum noch zu. Stattdessen ging er mit schweren Schritten zu seinem Schwert und hob dieses auf. Es fühlte sich seltsam unhandlich an. Der linke Arm war inzwischen vollkommen taub und er konnte ihn gar nicht mehr bewegen. "Was ist nun Söldner?" hörte er die Stimme von Suavis hinter sich.

Vanya drehte sich um. Suavis, Enedcair und die Frau mit dem Namen Mergell schauten ihn abwartend an. "Was ist? Ihr redet mit einem toten Mann!" Er lächelte. "Das ist ..." Die Rothaarige wollte wohl protestieren wurde aber direkt von Enedcair mit einer harschen Geste zum Schweigen gebracht. Sie drehte sich um und ging zu den Pferden zurück. Enedcair sah Vanya an: "Viel Mut ... für einen ... einfachen Söldner!" Vanya lachte laut auf: "Glaubt mir, unter anderen Umständen wäre ich mit euch gekommen. Aber ..." Er versuchte den linken Arm zu bewegen. "... der Arm ist unbrauchbar und ich denke, der wird auch nicht mehr wirklich." Sein Gegenüber nickte knapp: "Irgendjemand ... der auf Euch wartet?" Vanya entgegnete: "Nein. Man wartet auf der anderen Seite, sofern es sie überhaupt gibt." Suavis schaute Enedcair nochmals fragend an: "Und Ihr seit Euch sicher?" "Ein Soldat, der sein Schwert nicht richtig heben kann, ist überflüssig. Und ich werde nicht als Krüppel umherlaufen." sagte Vanya knapp und drehte sich um. "Jetzt verschwindet endlich. Packt euch und nehmt alles Unheil mit, was ihr hier hinterlassen habt!" Er schaute nicht mehr zurück. Die Geräusche, denen er gewahr wurde signalisierten ihm, dass der Trupp Tyberer aufbrach.

Vanya atmete wieder schwer: Er war allein. Es machte ihm sichtlich Mühe sich überhaupt auf den Beinen zu halten. In weiter Ferne konnte er nun deutlich die Ansammlungen von Soldaten sehen, die sich ihm näherten. War dies der ehrenhafte Tod für einen Krieger? Es war ihm egal, es sollte nur schnell enden.


IV. Die Wesirin: Vogelfreie in Khemi

Die Sonne senkte sich allmählich zum Horizont und die Geräusche vom Souk verklangen nur schwer. Taniz starrte desinteressiert zum Fenster hinaus auf den Hafen. Das Gekreische der vielen Möwen machte sie schon den ganzen Tag nervös. Jedoch warteten noch viele Aufgaben darauf erledigt zu werden. Sie seufzte und schaute wieder auf das Pergament vor ihr, als es an der Tür klopfte.

Taniz drehte sich um: "Tretet ein!" Eine Wache öffnete die Tür und das Licht der Strasse blendete sie für einen kurzen Augenblick. Mit einer ärgerlichen Geste gab Taniz dem Wachmann zu Verstehen, dass er umgehend die Tür wieder schließen möge. Der Mann nickte verständnisvoll und schloß diese hinter sich: "Herrin, verzeiht die Störung. Ich weiß, dass Ihr vielerlei Dinge nachkommen müsst und ..." Sie unterbrach ihn abrupt: "Nun sag endlich mit welchem Anliegen du hierher kommst!" Wieder nickte der Mann: "Ein Mann ist derzeit am Hafen und stört die Arbeiter dort. Er verhält sich sonderbar, Herrin." Taniz fragte: "Ein Mann?" Die Wache entgegnete: "Ja, offensichtlich aus Aquilonien. Der Hauptmann hat mich beauftragt zunächst Euch darüber in Kenntnis zu setzen bevor wir noch womöglich falsch handeln." Die Wesirin lachte laut auf: "Ich glaube ich weiß, wer gemeint ist. Der Mann nennt sich Asmodeios. Er ist der Sklave meiner Beraterin! Richtet dem Hauptmann aus, dass er sich nicht weiter um diesen Irren Sorgen machen muss." Der Mann schüttelte den Kopf: "Das ist es ja gerade, Herrin. Dieser Asmodeios klaut Waren an den Docks."

Der Hafen von Khemi war selbst in diesen frühen Abendstunden noch äußerst lebhaft: Arbeiter beluden die vor Anker liegenden Schiffe oder schafften Waren in die Lager, Kaufleute streiften umher und schauten nach Luxusgütern aus allen Teilen Hyborias und die Seeleute schickten sich an nach dem allabendlichen Vergnügungen mit den Konkubinen Ausschau zu halten. Taniz und der Wachmann versuchten sich mit nur mäßigem Erfolg einen Weg durch die Menge zu bahnen. Als sie schließlich am Hafenbecken angelangt waren, wurden sie einer seltsamen Situation gewahr: Ein in äußerst schäbige Gewänder gehüllter Mann stand vor einem Stapel Kisten und trat immer wieder laut lachend gegen diese. Er hatte ein altes Turmschild auf dem Rücken, welches wirklich schon bessere Zeiten gesehen haben musste. Der Wachmann schaute Taniz hilflos an. Diese seufzte laut, ging zu dem Mann und sprach ihn an: "Guten Abend, Asmodeios!" Der Angesprochene drehte sich um: "Hehe! Oh Herrin Taniz hier? Was machst du denn?" Asmodeios hatte blonde Haare, welche ihm in Strähnen zu beiden Seiten herabhingen. Taniz fragte sich immer noch, was Inuket dazu bewogen hatte diesen Mann in ihre Dienste zu nehmen. Sie entgegnete: "Die bessere Frage wäre, was du hier machst. Du kannst nicht einfach die Arbeiter hier behindern oder die Waren beschädigen, Asmodeios." Der Mann grinste verständnislos: "Na, ich konnte mich nicht auf die Kisten setzen. Also habe ich mir gedacht, dass es wohl besser wäre, wenn ich diese überflüssigen Dinger ins Wasser befördere." Die Geduld der Wesirin war gerade heute nicht endlos und die Aussagen dieses dummen Aquiloniers verbesserten ihre Laune nicht: "Hör zu, Kerl. Siehst du den Wachmann hinter mir?" Asmodeios neigte sich leicht zur Seite und winkte der verdutzt dreinblickenden Wache zu: "Ja, den seh ich." Taniz fuhr fort: "Gut, denn wenn du so weitermachst werde selbst ich dich nicht mehr schützen können. Man wird dir die Hände abhacken!"

Asmodeios schaute sie einen Augenblick an und nickt dann nur. Sie seufzte und war schon im Begriff sich wieder umzudrehen als hinter ihr eine weitere Debatte begann. Taniz hörte wie ein Arbeiter Asmodeios anschrie. Dieser entgegnete nur: "Die da hat mir gesagt, dass ich eine Kiste mitnehmen kann." Sie drehte sich um und blockierte dem Aquilonier den Weg. "He, warum biste denn noch da? Lass mich durch!" protestierte dieser lautstark. "Kiste hinstellen. Sofort!" sagte Taniz so ruhig wie nur möglich. Asmodeios musterte die Wesirin. Offensichtlich versuchte er herauszufinden, inwiefern sie nun verärgert war. Der Mann beging aber nicht den Fehler die Entschlossenheit von Taniz in Frage zu stellen, sondern schob die Kiste wieder an ihren angestammten Platz und verschwand mit einer leisen Entschuldigung in den engen Gassen von Khemi. Die Wesirin nickt kurz dem Wachmann zu, welcher auf dieses Zeichen hin auch wieder seiner Arbeit nachkommen konnte. Sie schloss kurz die Augen und massierte ihre Schläfen, um etwas gegen die aufkeimenden Kopfschmerzen zu unternehmen.

Noch bevor sie sich wirklich auf den Rückweg machen konnte, wurde Taniz auf eine größere Gruppe von Menschen aufmerksam, die von Bord eines der kurz zuvor angekommenen Schiffe gingen. Ein Mann offensichtlich cimmerischer Abstammung kam auf sie und sprach sie direkt an: "Ihr müsst ... Taniz sein. Ich bin ... Enedcair ... und ersuche Euch um Asyl ... für meine Begleiter und mich!"


Der alte Mann schwieg und sah zu seinem Zuhörer. Dieser schaute ihn immer noch wie gebannt an. Als er schließlich merkte, dass die Erzählungen vorerst ein Ende gefunden hatten fragte er: "Herr, dies war eine spannende Geschichte. Aber ..." Er wurde sogleich von dem Alten unterbrochen: "Das war nicht nur eine Geschichte, mein Junge. Ich war Zeuge des Untergangs vom einst stolzen Adelshaus Tyberion. Ich habe die Intrigen der Schlangen erlebt und habe gesehen, wie der Ibis seinen Flügel ausbreitete." Der Junge schaute ihn erstaunt an: "Ihr habt all dies miterlebt?"

Der Mann versuchte zu lachen, aber es erklang nur ein mühevolles Husten. Schließlich wandte er sich wieder an seinen Zuhörer: "Ich habe noch mehr zu erzählen. Lass uns keine Zeit verschwenden, mein Junge. Höre gut zu und lerne!"


Autoren: Mergell, Taniz

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